Sonntag, 7. Dezember 2014

Der Typ aus der Ecke

1000 Arten so einen Beitrag zu beginnen und alle klingen absolut dämlich. Von daher mal ein paar Beispiele vom typischen Smalltalk, den ich jahrelang genießen durfte.

"Warum guckst du so grimmig ?"

"Warum guckst du generell komisch ?"

"Warum hast du keinen Spaß ?"

"Warum hast du keine Freude am Leben ?"

Ich könnte ewig so weitermachen. Sozial unfähig, keinerlei Status, Außenseiter, Innereckler, mehr oder weniger unbedeutend. Man ist gut dafür da, wenn man ein paar Gags und Witze bringen kann, aber ansonsten war es das auch. Menschen, die man als "Freunde" bezeichnet hat, haben am Ende einem einfach zu viel Kraft, Nerven und vor allem Vertrauen gekostet - OK, den guten Glauben an die Menschen auch. Achja, auch sehr witzig über diesen verkackten Miesepeter zu lachen, der schwarz auf die Welt schaut. Jepjepjep.

Man will sich nie als Versager sehen. Jemand, der mal nicht eben den Freundeskreis hat, um hier und da einen draufzumachen; ich kann all die Aktivitäten dieser Art innerhalb der letzten Dekade mit einer einstelligen Zahl beziffern. Was die Frauen betrifft...da habe ich nicht einmal eine Zahl, aber darüber zu einem späteren Zeitpunkt. Alles außerahalb dieser zwei Sachen fühlt sich herrlich irrelevant an, aber irgendwie hänge ich zu sehr an dem Negativen.

Fangen wir aber von vorne an: Spätaussiedler; komische, mächtige und verquerte russische Sprache; viel Gelächter wegen dem Akzent und vor allem dem Vornamen; nicht eingegangen wegen ein paar anderen Russen und ein paar dummen Sachen - Mittelstufe: Mittlerweile die Rolle des netten und hilfsbereiten angenommen, der Rest kommt irgendwie zusammen; ich entdecke meine Rückzugsecke und bin da, wenn man mich braucht; für mich hat niemand Zeit und Mühe; mir egal, ich komme durch; ich entdecke Zeug wie Musik, Filme, Bücher, Games, soll mich ablenken und diese unsägliche Leere füllen  - Oberstufe: Alle wieder auf Grundschul-Niveau; Intrigen und man ist selbst mittendrin und auch wieder nicht; alle machen einen auf diese unsägliche Familie; meine Ecke wird immer leerer; ich bin Helfer; einsamer Wolf; wieder da zum Auffangen, aber wehe ich brauche mal Rückhalt; die Leere wurde zum schwarzen Loch, das alles Gute und Frohe in meinem Leben aufsaugt und nur die Finsternis zurücklässt; ich lerne endlich meine einzige dauerhafte Begleiterin, die Depression, mit dem Namen kennen - Abschlussklasse: Jemand neues unterhalb meines Ansehens; scheinbar leichtes Ziel; keiner hält zurück und es fehlt nicht mehr viel bis zur körperlichen Gewalt;allen ist es egal weil es einfach ist (sogar Lehrern); ich bin Moralapostel, Spielverderber; ich verstehe diesen Typen und mache mich für und mit ihm lächerlich, die anderen sollen einfach nur aufhören zu lachen; ich weiß dabei selbst nicht mehr wie man richtig lacht; die letzten verschwinden aus meiner Ecke wegen meiner "Bitterkeit"; ich hab mir alles verbaut mit der Gesellschaft und ich zweifle mehr an mir, meinem Leben und den Anderen denn je - Uni: Ganz tiefes Loch; alles einfach nur unerträglich grau und/oder schwarz; ich kenne niemand und niemand kennt mich; ich habe keinen Namen, kein Gesicht, keine Freude, keine Lust mehr; keinen Wert und beinahe auch kein Leben, mehrmals. Ich will oft einfach nicht mehr und ich weiß nicht...werde aus dem Inneren scheinbar auseinandergerissen, verbrenne und will nur noch zusammenbrechen und stundenlang heulen, aber das ist ja zu unmännlich und hey, ich muss funktionieren. Wenn nicht für mich selbst, dann für andere da draußen.

Seit letzter Woche versuche ich mich dagegenzustemmen. Ich muss mir tagtäglich die Maske des lockeren, ungezwungenen und dennoch seriösen und hilfsbereiten Typen aufsetzen, denn niemand interessiert mein Inneres. Ich versuche das mit den Menschen, aber ob es irgendwohin führt...das weiß ich nicht und das würde ich mir auch nicht spoilern lassen. Das Wichtigste: Ich versuche endlich von sich aus, all die Antworten auf die Fragen zu finden, die mich früher zu oft wach hielten und heute noch einen vollen Kopf bescheren. Keine Ahnung, ob das mit dem vollen Kopf und kaputtem Herzen so OK ist, sollte es nicht andersherum sein ? Was ist schon normal ?

Bin ich OK, wenn ich einfach mal instinktiv einer Menschengruppe ausweichen möchte ? Dass ich Panikattacken bekomme in so nem Gemenge ? Dass ich nach einer Konversation immer Angst habe, irgendwas Falsches gesagt zu haben ? Dass ich einfach gar keine Qualitäten in mir sehe und ständig dagegen ankämpfe, mir nicht die Schuld für all meine gefühlten Verluste über all die Jahre zu geben ? Dass ich soweit bin, dass ich sogar meine Depression nicht wirklich beseitigen möchte, weil sie das Einzige war, was ich hatte in meiner eigenen Ecke ? Ich könnte tausende dieser "dass"-Sätze formulieren und dennoch in eine Sackgasse kommen.

Übrigens: ich heiße Rudolf und ich bin der Typ aus der Ecke.

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